Braun gefärbt: Warum das aktuelle Unwort des Jahres tatsächlich ein Unwort ist

„Volksverräter.“ So wurden in den vergangenen Monaten immer wieder vor allem PolitikerInnen und JournalistInnen von Rechtspopulisten beschimpft. Der Begriff wird in den sozialen Netzwerken inflationär verwendet und wer nach dem entsprechenden Hashtag googelt, dem kann ganz anders werden. Nicht ohne Grund also wurde der Begriff vor einigen Wochen von einer v.a. sprachwissenschaftlichen Jury zum Unwort des Jahres 2016 gewählt.

Basis für die Entscheidung waren rund 1000 Einsendungen aus der Bevölkerung. Eine Mehrheit dieser Einsendungen seien der unabhängigen Jury zufolge Reaktionen gewesen auf den „zunehmenden Sprachgebrauch mit faschistischem und fremdenfeindlichem Hintergrund“. Und den habe man nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch in der Politik ausgemacht. Auch uns hier im Blog ist die Beschäftigung mit dem Themenkomplex um das 2016er Unwort daher ein wichtiges Anliegen.

Zunächst einmal die Frage, ob es tatsächlich notwendig ist, nach „Sozialtourismus“ (2013) und „Lügenpresse“ (2014) ein weiteres Mal einen Begriff zu küren, der von einem demokratiefeindlichen, rechtsextremistischen Klientel gebraucht wird oder seine Denkweise zum Gegenstand hat (Wort des Jahres 2016 ist „postfaktisch“)? Diese Frage hat sich aber spätestens nach der Lektüre der online-Hasstiraden erübrigt. Bei der Wahl der Jury handelt es sich um eine notwendige Reaktion auf einen Ist-Zustand. Wer sich ein wenig umschaut, sieht – so auch die Jury –, dass immer weniger Übereinstimmung darin besteht, welche Werte unsere Gesellschaft noch gemeinsam vertritt. Die Rolle, die die Unwort-Wahl hierbei spielt, ist, dass sie ein zentrales Grundprinzip von demokratischen Gemeinschaften in den Fokus stellt: den kommunikativen Austausch in der Öffentlichkeit – und damit auch die Grenzen des öffentlich Sagbaren. Also die Vernunfts- und Anstandsregeln, die hier herrschen sollten.

Es handelt sich bei der Thematisierung solcher Grenzen nun aber nicht um die Überempfindlichkeit einiger weltfremder Sprachexperten. Es geht vielmehr darum, für etwas zu sensibilisieren, was alle betreffen kann: Dass Menschen „gedankenlos“, aber auch mit „kritikwürdigen Intentionen“ allein mittels Sprache Unrecht getan werden kann. Dass demokratische Prinzipien verletzt werden können. Die Initiative der Jury ist dabei aber keinesfalls als Versuch der Zensur zu verstehen, wie sie selbst betont. Es geht vielmehr um einen Aufruf zur Achtsamkeit im alltäglichen Umgang miteinander. Um die selbstkritische Reflektion des Sprachgebrauchs im öffentlichen Diskurs und um die Verantwortung, die die Kommunizierenden hier haben.

Foto: Maren Meisberger und Lea Hamann

Nun fällt es in diesem Jahr aber besonders schwer, daran zu glauben, dass das gewählte Unwort gedankenlos verwendet wird. Die Tatsache, dass es leicht zu erkennen ist, dass der Begriff „Volksverräter“ nationalsozialistisch vorbelastet ist, sagt vielmehr einiges über diejenigen aus, die ihn verwenden. Schließlich weist schon sein Wortanfang auf die „Volks-“fokussierte NS-Ideologie hin. Dort wurde das Leben als der Überlebenskampf von Völkern gegeneinander verstanden – mit der entsprechenden Rollenverteilung und ihren Folgen. Wer in diesem Kontext als „Volksverräter“ oder „Volksschädling“ bezeichnet wurde, dem wurde das schlimmstmögliche Verbrechen zugeschrieben. Aus diesem historischen Zusammenhang hat der Begriff des Volksverrates und des Volksverräters also seine Verbreitung in die Gegenwart erfahren. Und das erklärt uns auch, wie und als wie gewichtig wir diesen Begriff verstehen müssen: Wir können davon ausgehen, dass diejenigen, die den Begriff verwenden, ein ähnlich reduziertes, unhaltbares Bild auf die Wirklichkeit haben. Dass sie dieses Bild als erkannte Wahrheit verstehen. Und dass der Begriff des Volksverräters ein großes Maß an Feindseligkeit ausdrückt.

Eine lebendige Demokratie muss es nun aber wohl aushalten, dass die Meinungen und Positionen aller ausgesprochen werden. Wenngleich in den entsprechenden Foren und Kommentaren gerne unterstellt wird, dass es ein restriktives, einfach festgesetztes Sprachverbot gäbe. Dabei handelt es sich aber um ein Missverständnis. Es ist vielmehr die Frage, ob man in dieser Diskussion nicht beurteilen darf, wie sich die Kommunizierenden verhalten. Ob man Kommunikation, die unfair, undurchdacht und respektlos ist und darüber hinaus sogar auf die Betroffenen bedrohlich wirken mag, wirklich unkommentiert hinnehmen muss. Auch bei unseren nicht-sprachlichen Handlungen müssen wir uns an Regeln halten, die dem Allgemeinwohl dienen. Wir vergreifen uns nicht am Besitz anderer, schlagen niemanden und spucken nicht einfach auf die Straße. Sonst funktioniert ein gutes Miteinander nicht.

Denjenigen, die den Begriff „Volksverräter“ verwenden, geht es aber gerade eben nicht um ein gutes Miteinander aller. Über seine Verwendung grenzen sie sich vielmehr gegen andere ab und schreiben sich selbst den Besitz der Wahrheit zu. Die Süddeutsche Zeitung bringt es auf den Punkt, wenn sie festhält, dass, wer den Begriff benutzt, „nicht an einer inhaltlichen Auseinandersetzung interessiert [ist]. Er will nicht reden, er will hetzen, aufwiegeln, Stimmung machen. In diesem Sinne ist „Volksverräter“ im wortwörtlichsten Sinne ein Unwort, laufen dagegen doch alle weiteren Worte ins Leere.“ Und das ist etwas, das man durchaus bewerten darf. (Und bei verbalen Grenzüberschreitungen auch juristisch abstrafen kann. So, wie es eben auch bei Vergehen in anderen Lebensbereichen üblich ist.)

Die Tatsache, dass man das Verhalten der anderen nach Vernunft und moralischen Maßstäben beurteilen kann, genügt nun aber nicht, um die Probleme zu lösen, die unsere demokratische Gesellschaft gerade hat. Es ist nicht sonderlich hilfreich, im aggressiven Duktus des Gegenübers zu reagieren und sich in Kampfhaltung gegen seine Aussagen zu positionieren. Auch wenn es das ist, was uns seit Jahrzehnten immer wieder als die richtige Art empfohlen wird, um mit Rechtsideologen umzugehen.

Natürlich ist es wichtig, seine eigene Position zu kennen und zu reflektieren, aber auch etwas anderes dürfen wir nicht aus den Augen verlieren: das demokratische Miteinander in unserer Gesellschaft. Hier kann nur ein ernst gemeinter deeskalierender Umgang mit der anderen Seite helfen. Wie das geht, ohne seine Haltung zu verlieren, kann man z.B. bei einer Rede von Gregor Gysi lernen: Der Politiker zeigt hier, dass es hilfreich sein kann, seine Zuhörer dort abzuholen, wo sie mit ihrer Meinung stehen. Davon ausgehend muss man dann versuchen, ihre vereinfachende Perspektive auf andere Aspekte hin zu erweitern und sie so letztlich zu verschieben. Das Ganze in der Hoffnung, das Weltbild des anderen auf diese Weise nachhaltig verändern zu können.

Im Gegensatz zu einem solchen bedachten Vorgehen kann eine offen-konfrontative Reaktion nur zu einer aggressiven Gegenreaktion führen, wie im 2016-Unwort gut zu erkennen ist. Der richtige Sprachgebrauch ist also im Umgang mit Rechtsideologen – aber auch allgemein – eine wichtige Voraussetzung dafür, unsere gesellschaftlichen Probleme anzugehen. Aggressions-Kettenreaktionen sind schließlich für keine Demokratie gut.

Weiterführendes zum Thema dieses Artikels auf der Seite der Süddeutschen Zeitung oder hier im Blog: Wir stellen dann die Frage, welche Rolle die Sprache beim Entstehen und Verbreiten von politischen Ideologien spielt.

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