Wenn die Worte fehlen – Sprachstörungen nach einem Schlaganfall

Sprachstörungen hat jeder mal, manchmal ausgelöst durch einfache Müdigkeit oder einen Wein am Abend zu viel. Für einige Menschen gehören sie aber zum alltäglichen Leben. Die Psycholinguistik beschäftigt sich damit, wie Sprache verstanden und produziert wird, aber auch damit, warum das Verarbeiten von Sprache nicht immer funktioniert. Der Blick auf sprachliche Störungen von Betroffenen erlaubt es ihr, Therapiemodelle für diese Menschen zu entwickeln, es können so aber auch allgemeine Rückschlüsse auf die Verarbeitung von Sprache gezogen werden. Doch wodurch entsteht eine Sprachstörung und was für Auswirkungen hat sie auf die Verarbeitung von Sprache?

Jährlich erleiden alleine in Deutschland 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Nach Krebs und Herzinfarkt ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für eine Behinderung im Erwachsenenalter. Eine häufige, für die meisten die einschneidenste Behinderung ist eine Sprachstörung, auch Aphasie genannt. Unter einer Aphasie versteht man eine Sprachstörung, die Verstehen, Sprechen, Lesen und Schreiben beeinträchtigen kann.

Die Ursache einer Aphasie liegt in der Schädigung der Hirnregionen, die für die Sprache zuständig sind und die als Broca- und Wernicke-Areal bezeichnet werden. Diese befinden sich in der linken Hirnhälfte und sind etwas mehr als Erbsen groß. Benannt sind die Areale für Sprachbildung und Sprachverstehen nach den Forschern Paul Broca und Carl Wernicke, die in den 1860er Jahren als erstes eine Schädigung in der linken Hirnhälfte mit einer Sprachstörung in Verbindung brachten. Heutzutage werden diese Areale immer noch als Standorte für Sprachbildung und Sprachproduktion angesehen, jedoch ist mittlerweile bekannt, dass Sprache nicht nur in diesen Arealen entsteht und verarbeitet wird, sondern in einem komplexen Netzwerk, welches sich über die Hirnhälfte erstreckt. Deshalb ist es wichtig, die genauen betroffenen Orte ausfindig zu machen, um eine individuelle Therapie machen zu können.

Für ein Drittel der Patient:innen gilt, dass sich die anfängliche Sprachstörung innerhalb der ersten vier bis sechs Wochen normalisiert. Dies ist die akute Phase. Nach zwölf Monaten an anhaltender Sprachstörung spricht man bereits von einer chronischen Aphasie. Doch wodurch genau zeichnet sich eine Aphasie bei Betroffen aus?

Grundlegend sind die Symptome einer Aphasie abhängig vom geschädigten Areal und von der Größe der Schädigung selbst. Mit einer radiologischen Untersuchung im MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie), ist es möglich, die Schädigung zu lokalisieren. Dabei kann man versuchen, das betroffene Areal mit der Hilfe von Fragen wie „Was verbinden sie mit dem Bild?“ noch mehr einzugrenzen, da so die Hirnregionen anregt werden, die für die Verarbeitung der Frage zuständig ist. Gleichzeitig sollen die Betroffene ihre Gedanken zu dem entsprechenden Bild, beispielsweise ein Hund (Haustier, Bello, Bellen), aussprechen. Die erhöhte Verarbeitung von Zucker aufgrund des angestiegenen Energiebedarfs an dieser Stelle des Gehirns wird so auf den MRT-Bildern sichtbar.

Um genauer festzustellen zu können, wie ausgeprägt die Aphasie der Betroffenen ist, werden Sie außerdem von einem/er Logopäde:in untersucht. Sie/er unterhält sich mit dem Patient:in, da Fehler in einem alltäglichen Gespräch am stärksten auffallen. Dabei machen sich z.B. Wortfindungsstörungen oder das Erfinden von neuen Wörtern bemerkbar. Ebenso strukturieren die Betroffenen häufig Sätze falsch, betonen Wörter nicht an der richtigen Stelle oder konjugieren auch Verben falsch.

Für die Wahl der richtigen Therapie ist eine grobe Einordnung der Aphasie anhand der betroffenen Sprachareale notwendig: Hat der Betroffene z.B. eine Broca-Aphasie, verwendet er häufig kurze und einfache Sätze, in deren inhaltstragende Wörter aneinandergereiht werden. Die Betroffenen sprechen langsam, können aber das Gesprochene gut verstehen und darauf antworten. Für die Wernicke-Aphasie ist es typisch, dass der Inhalt des Gesprochenen meist keinen Sinn ergibt. Betroffene sprechen in langen, verschachtelten Sätzen, wobei Satzteile oder ganze Sätze wiederholt werden. Häufig kommt es zu Satzabbrüchen, dennoch wird flüssig gesprochen.

Im Rahmen der Therapie werden zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt. Bei dem einen wird mit Blick auf die genauen Sprachstörungen verfolgt, wo im Gehirn die Störung genau zu lokalisieren ist. Im Rahmen des anderen Ansatzes hingegen werden die erhaltenen Leistungen der Betroffenen untersucht und dadurch Rückschlüsse auf die gesunden Teile des Gehirns gezogen. Auch hierdurch kann letztlich dann das geschädigte Areal ausfindig gemacht werden.

Im der Psycholinguistik werden unterschiedliche Vorstellungen davon vertreten, wie Sprache produziert wird. Eine grundlegende Frage hierbei ist, ob die entsprechenden Prozesse nacheinander oder doch eher gleichzeitig ablaufen.

Geht man davon aus, dass die Sprachproduktion mit einer Redeabsicht startet, die dann zunächst kognitiv geplant wird und anschließend in Aussprache umgesetzt wird, wird die Sprachstörung im Ablauf der automatischen, nacheinander stattfindenden Prozesse der Sprachverarbeitung ausgemacht. Werden Sprachverarbeitung und Sprachproduktion hingegen als Prozesse in einem komplexen Netzwerk verstanden Beschäftigt man sich genauer mit solchen Beeinträchtigungen, lassen sich also einerseits Therapiemodelle für die Betroffenen entwickeln, es können aber auch Rückschlüsse auf die allgemeine Verarbeitung von Sprache gezogen werden – wofür aktuelle Forschungsergebnisse sprechen – ist die auch Suche nach der Störung komplexer. Man geht nämlich davon aus, in diesem Netzwerk verschiedene Ebenen und Knoten miteinander verbunden sind, die sich untereinander aktivieren und dabei auch Rückeinfluss aufeinander nehmen. So ist der Informationsfluss zwischen verschiedensten kognitiven Regionen möglich und kann parallel ablaufen – oder lokal eben auch an nicht.

In der Forschung wurden beide Modell häufig als Konkurrenten angesehen, sie sind aber durchaus miteinander vereinbar und finden Anwendungen in hybriden Modellen.

Die psycholinguistischen Modellierungen davon, wie die Verarbeitung von Sprache abläuft, sind für die Therapie wichtig. Zusammen mit der radiologischen Diagnostik bestimmen sie die Herangehensweise in der Behandlung der jeweiligen Betroffenen – und sind damit die Grundlagen für eine potenzielle Genesung oder zumindest Verbesserung der Aphasie.

Psycholinguistische Modelle und Annahmen eröffnen also nicht nur die Möglichkeit, immer neue Rückschlüsse auf die allgemeine Verarbeitung von Sprache im Gehirn zu ziehen, sie können auch wegweisend für das Wohlergehen von Patient:innen sein.

Autorin: Charleen Bärbel Mark

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