„Im Studium!“ – Wenn durch Sprache Raum entsteht

Ob auf der Arbeit oder in der Freizeit – Zeit bestimmt unser Leben. Wir hetzen durch den vollen Tagesplan und sind oft nur kurz in der Mittagspause. Manchmal wollen wir unseren Kollegen von vergangenen Ereignissen berichten. Doch wie fassen wir so etwas Abstraktes wie Zeit in diesen Situationen eigentlich in Worte?

Um über ein so abstraktes Phänomen wie die Zeit sprechen zu können, benutzen wir oft Metaphern, ohne uns dessen überhaupt bewusst zu sein. Wer bemerkt schon, dass es sich bei einer kleinen Präposition wie in um eine Metapher handelt? Die bildliche Ausdrücke dienen uns dazu, einen Sachverhalt durch einen anderen sprachlich und kognitiv greifbar zu machen. So werden abstrakte und damit auch schwierig zu verstehende Sachverhalte häufig erst durch andere Konzepte, die wir bereits kennen, für uns beschreibbar.

Indem wir eine bereits bekannte Erfahrung in einem anderen Zusammenhang metaphorisch nutzen, können wir also Konzepte, die sonst schwierig oder sogar unmöglich zu greifen sind, verstehen – wie eben das Konzept der Zeit. So nutzen wir also z.B. unser bestehendes Wissen über die Strukturierungen von Räumen, wenn wir z.B. darüber sprechen, was wir im Sommer machen wollen.

Die Erkenntnis, dass wir auch in der Alltagssprache nahezu immer Metaphern nutzen, wenn wir z.B. über abstrakte Konzepte sprechen, wurde in den 1980er Jahren von dem amerikanischen Linguisten George Lakoff und dem Sprachphilosophen Mark Johnson populär gemacht. Aber wie nutzen wir den Erfahrungsbereich des Raumes genau, um uns das abstrakte Konzept Zeit zu erschließen und warum nutzen wir dafür die Kategorie des Raumes?

Räume erscheinen als Grunderfahrung für uns Menschen greifbarer als das Konstrukt der Zeit. Schließlich stellen Räume mit ihrem Außen und ihrem Innen für uns ein konkretes fundamentales Wissen über die physikalische Welt dar. Mit Rückgriff auf dieses Wissen erschließen wir uns das Konzept Zeit auf unterschiedliche Art und Weise. Manchmal kategorisieren wir eine Zeitspanne als Behälter. Das heißt wir verdeutlichen eine klare Grenze in Bezug auf die Zeit wie zum Beispiel bei den Ausdrücken im Jahr oder im Studium. Darüberhinaus nutzen wir räumliche Reziehungen und Verhältnisse, um zeitliche Aspekte auszudrücken wie bei der Formulierung vor bzw. nach dem Studium. In der westlichen Kultur denken wir Zeit so oft linear. Wir greifen also auf das Konzept einer horizontalen Linie zurück, bei der etwas eben vor oder hinter etwas liegen kann oder z.B. auch voranschreitet oder zurückgeht. Es gibt aber Kulturen z.B. in Südostasien und in Indien, in denen Zeit auch zyklisch als ein Kreis gedacht und versprachlicht wird.

In der westlichen Kultur, in der Zeit also linear verstanden wird, ergeben sich zwei unterschiedliche Rollen von Zeit und Mensch. Nutzen wir beispielsweise Formulierungen wie im kommenden Jahr, die Woche ging schnell vorüber oder die Zeit rennt ist es die Zeit, die sich bewegt und einen aktiven Part einnimmt. Die Zeit wird von uns also personifiziert. Es können aber auch wir Menschen sein, die sich in Beziehung zu der Zeit bewegen. Zeit ist dann ein Weg, dem wir Menschen folgen. Ein verliebtes Brautpaar schreitet gemeinsam in die Zukunft und bewegt sich dabei vorwärts.  

Zeit ist allerdings etwas sehr Vielschichtiges, das für uns viele Aspekte beinhalten kann. Und auch, wenn wir unser räumliches Wissen sehr oft nutzen, wenn wir über Zeit sprechen, benötigen wir daher auch andere Erfahrungen, um über Zeit zu sprechen. Wir nutzen so z.B. auch Metaphern, bei denen wir das Konzept der Zeit über das Konzept des Geldes strukturieren. Bei Formulierungen wie Das kostet viel Zeit oder Wir können hier Zeit sparen erkennt man, dass Zeit für uns eine kostbare Ressource wie Geld darstellt. Aber auch unserer Erfahrung mit Substanzen helfen uns bei der Beschreibung von Zeit. Beispielsweise nutzen wir Formulierungen wie Die Zeit fließt, die widerspiegelt, dass wir uns Zeit auch als Flüssigkeit vorstellen. 

Gerade die Metapher kann uns aber auch dabei helfen, zu verstehen, dass Dinge anders gedacht und formuliert werden können, als wir sie kennen. So greift beispielsweise die chinesische Sprache zwar ebenfalls auf Raum-Zeit-Metaphern zurück, funktioniert aber etwas anderes als das Deutsche. Im Chinesischen muss das deutsche Wort für „jetzt“ beziehungsweise „im Moment“ z.B. mit „auf der Hand existierend“ übersetzt werden:  xiàn zài  现在. Hier wird also zusätzlich ein Körperteil mit den räumlichen Ausdrücken kombiniert, um über etwas zu sprechen, was gerade in der Gegenwart betrachtet wird. An diesem Beispiel lässt sich erkennen, wie treffend Metaphern sein können. Sie sind aber auch nicht bloß stilistischer Schmuck – ganz im Gegenteil sind sie für uns oft notwendig, um überhaupt über abstrakte oder neue Dinge nachdenken und sprechen zu können.      

Autorin: Isabella Göb

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