Relikte aus dem KZ und solche, die es sein sollten! – Phrasen missbraucht vom Nationalsozialismus

Die zynische Phrase prangte schließlich über den Toren einiger Konzentrationslager. Unter anderem: Ausschwitz, Dachau, Theresienstadt und Sachsenhausen. Die allerwenigsten Menschen wissen aber, dass die Phrase ursprünglich auf Heinrich Beta, einen Nationalökonomen und Publizisten des 19. Jahrhunderts zurückgeht.

So schrieb Beta 1845 in seiner Schrift Geld und Geist, dass es nicht der Glaube sei, der selig mache, sondern die Arbeit, denn diese mache frei. Er selbst ordnete diese Gedanken weder dem religiösen Gedankengut zu, noch wollte er sich in irgendeiner Weise ökonomisch positionieren. Beta betrachtete die Arbeit als allgemein menschliches Bedürfnis und sah in ihr ‚die Grundbedingung alles Lebens und Strebens, alles Glückes und aller Seligkeit‘.

Allerdings ist von dieser ursprünglichen Bedeutung im gesellschaftlichen Bewusstsein nichts mehr geblieben, denn diese Phrase ist untrennbar mit dem Tod von Millionen von Menschen verbunden. Sie in ihrem ursprünglichen Sinne zu verwenden ist also unmöglich. Aber sollten wir nicht darüber aufklären, wo sie ihren Ursprung hat, um auch ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?

Theresienstadt (Fotos: Günter Kutschke)

Und ist es legitim, Phrasen, die ursprünglich anderer Herkunft und Bedeutung waren, aus dem Sprachgebrauch zu verbannen, weil sie als Propaganda missbraucht wurden?

Sollte wir nicht, wenn wir um ihre Bedeutung im Nationalsozialismus wissen, auch die ursprüngliche Bedeutung kennen?

Und was ist mit anderen Phrasen, die zu ähnlichen oder gleichen Propagandazwecken missbraucht wurden und noch im stetigen Gebrauch sind – oft auch ohne das Wissen darum?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Mehrheit von euch auch die folgende Phrase schon das ein oder andere Mal selbst gebraucht oder zumindest gedacht haben:

Jedem das Seine! Diese Phrase ist in zweierlei Bedeutung weit verbreitet und auch oft und gerne gebraucht. Zum einen als ‚Jeder so, wie es ihm gefällt‘ und zum anderen, etwas zynischer, als ‚Jedem das, was er verdient‘. Ob man nun einen kritischen Blick auf den Teller seines Nebenmanns wirft, der sein Brot mit Nutella und Salami zum Frühstück genießt, oder ob der ungeliebte Arbeitskollege nach einem blöden Spruch den nächsten Türrahmen mitnimmt – die Phrase kommt einem schnell und ohne viel nachdenken über die Lippen. Aber wo kommt sie eigentlich her? Was bedeutet sie wirklich? Und was haben die Nationalsozialisten mit dieser Phrase zu tun?

Warum wissen wir nicht, dass einige Phrasen wie ‚Arbeit macht frei‘ eigentlich einmal in einem ganz anderen Kontext als dem Nationalsozialismus standen und andere Phrasen wie ‚Jedem das Seine‘ eben auch genau diesen nationalsozialistischen Kontext haben.

Suum cuique! Jedem das Seine! Die Geschichte dieser Phrase reicht weiter zurück, als man vermuten mag. Bereits in der Antike machten unter anderem Cicero, Platon und Aristoteles von ihr Gebrauch – allerdings ohne den heute oft üblichen zynischen Unterton. Auch wenn die Phrase hier ebenfalls verschiedene Bedeutungen und Auslegungsweisen hatte, so stimmten alle drei Philosophen darin überein, dass ‚Suum cuique!‘ ein wichtiger Grundgedanke der Gerechtigkeit ist.

Während Platon zum Beispiel die Idiopragmieformel abfasste, die besagt, dass Gerechtigkeit darin besteht, dass jeder seine eigene Sache in dem Umfang und mit den Mitteln, die ihm zu Verfügung stehen, betreiben soll, bezog Aristoteles sich mehr auf die Verteilungsgerechtigkeit.

Die lateinische Formulierung geht unter anderem auf Marcus Tullius Cicero zurück, einen römischen Juristen, Politiker und Philosophen, und wird im juristischen Sinne ‚Jedem das Seine zuteilwerden lassen‘ gebraucht. Diese Formulierung findet man bis heute als Bestandteil der Gerechtigkeitsformel an den Decken und Portalen von Gerichtsgebäuden in Deutschland.

Über mehr als zwei Jahrtausende wurde diese Phrase also ohne ideologischen Hintergrund verwendet – bis sie den Nationalsozialisten in die Hände fiel. Sie missbrauchten diese Phrase, genau wie ‚Arbeit macht frei‘ als Schriftzug auf dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald.

Aber wem ist das bekannt?

Ihr und ich, wir wissen jetzt darum und denken vielleicht das nächste Mal an ihre Historie, wenn wir über eine dieser Phrasen stolpern, und klären eventuell sogar andere darüber auf, so dass auch ihnen in gewisser Weise Gerechtigkeit widerfahren kann.

Letztendlich stellt sich nur noch eine Frage: Jedem das Seine? Oder besser doch nicht?

Autorin: Lea  Hamann

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.