Wiseo knöenn wir das lseen? – Wie unser Gehirn beim Lesen Wörter erfasst

Jeder von uns liest jeden Tag – sei es ganz bewusst in Zeitungen, Büchern und auf dem Smartphone oder nur nebenbei im Straßenverkehr oder beim Schlendern durch die Einkaufsstraße. Lesen dient der Kommunikation, wenn auch meist einer einseitigen. Denn der/die Leser*in selbst ist nicht immer in der Lage, dem/r Autor*in auf das Gelesene zu antworten – es sei denn, wir befinden uns in einem Chat oder in einem ähnlichem Kommunikationsmedium.

Dabei verarbeitet das Gehirn ständig Buchstaben und gibt ihnen einen Sinn. Aber wie funktioniert das eigentlich? Registriert und erkennt das Gehirn jeden einzelnen Buchstaben? Würde es dann nicht ganz schön lange dauern, bis wir ein Wort erfasst haben?

Seit vielen Jahren kursiert im Internet ein Text, der Wörter enthält, deren Buchstaben vollkommen vertauscht sind:

„Ehct ksras! Gmäeß eneir Sutide eneir Uvinisterät, ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das ezniige was wcthiig ist, das der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiin snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sein, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, weil wir nicht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wort als gzeans enkreenn. Ehct ksras! Das ghet wcklirh! Und dfüar ghneen wir jrhlaeng in die Slhcue!“

Quelle: https://www.haefnerwelt.de/blog/gehirn-herausfinden-leistung/

Der Text beweist, dass das Gehirn in der Lage ist, die Wörter zu lesen, obwohl die Buchstaben darin vertauscht sind. Daher ist anzunehmen, dass es nicht jeden einzelnen Buchstaben nacheinander erkennt und daraus ein Wort bildet. Dieses Phänomen bringt die Frage mit sich, wieso dies möglich ist, und damit einhergehend, was eigentlich im Gehirn abläuft, wenn man liest.

Lesen besteht aus einer visuellen Wahrnehmung, also einer Wahrnehmung mit den Augen, und einer Verarbeitung dieses Wahrgenommenen. Das Auge nimmt also zunächst die Wörter auf, indem es sich über den Text bewegt, so dass diese im Gehirn angelangen.

In unserem Gehirn ist jedes Wort im sogenannten „mentalen Lexikon“ gespeichert. Nicht nur sein Klang, sondern auch, wie es geschrieben wird. An bestimmten Merkmalen erkennt das Gehirn die einzelnen Buchstaben, auch wenn sie in einer unbekannten Schriftart gelesen werden. Beispielsweise ist abgespeichert, dass der Buchstabe B aus einem senkrechten Strich und zwei Halbkreisen daran besteht, oder der Buchstabe S wie eine Schlangenlinie geformt ist.

Aus diesem Grund kann man erstaunlicherweise auch einen Text lesen, der zum Teil gar keine Buchstaben enthält. Sondern Zahlen, die aber sehr ähnliche Merkmale wie die einzelnen Buchstaben aufweisen und damit ähnlich geformt sind:

D1353 M1TT31LUNG Z31GT D1R, ZU W3LCH3N GRO554RT1G3N L315TUNG3N UN53R G3H1RN F43H1G 15T! 4M 4NF4NG W4R 35 51CH3R NOCH 5CHW3R, D45 ZU L353N, 483R M1TTL3RW31L3 K4NN5T DU D45 W4HR5CH31NL1CH 5CHON G4NZ GUT L353N, 0HN3 D455 35 D1CH W1RKL1CH 4N5TR3NGT.

Quelle: https://www.haefnerwelt.de/blog/gehirn-herausfinden-leistung/

Das Gehirn nimmt die einzelnen Buchstaben mit ihren Merkmalen aber auch nicht ganz genau in der Reihenfolge auf, wie sie geschrieben stehen. Stattdessen werden alle Buchstaben eines Wortes auf einmal aufgenommen, das Wort also als Ganzes erfasst. Daher fällt es uns oftmals auch gar nicht sofort auf, wenn ein Wort falsch geschrieben ist oder ein Buchstabe fehlt – vor allem dann, wenn wir nicht bewusst darauf achten, sondern zügig lesen.

Nachdem nun das Auge die Merkmale aufgenommen hat und das Gehirn die Buchstaben mittels dieser Merkmale erkannt hat, wird die Zusammensetzung der bestimmten Buchstaben im mentalen Lexikon gesucht. Es wird also das Wort herausgesucht, dass die Buchstaben enthält, die erkannt wurden. Liest man nur sehr ungenau und überfliegt einen Text, kann es auch dazu kommen, dass das Gehirn ein falsches Wort heraussucht. Dieses weist dann ähnliche Merkmale wie das eigentlich gesuchte auf, und wird vom Gehirn fälschlicherweise für das richtige gehalten. Das liegt daran, dass es nicht genug Zeit hatte, alle Merkmale zu überprüfen.

Das Gehirn leistet also in kurzer Zeit einen ganz schön umfangreichen Prozess:

Merkmale erkennen, daraus alle Buchstaben ableiten, das passende Wort herausnehmen und seinen Sinn erfassen. Hinzu kommt dann noch, dass der Zusammenhang aller gelesenen Wörter erfasst werden muss, also der Sinn des ganzen Textes.

Die Redewendung Übung macht den Meister gilt auch beim Lesen, denn: Je häufiger ein Wort vorkommt, je häufiger es also gelesen wird, desto schneller kann es vom Gehirn erkannt werden. Ein Wort wird außerdem schneller erkannt, wenn es in einem bestimmten Kontext steht. Lesen wir zum Beispiel einen Aufsatz über Tiere, können Tierarten wie „Hund“ oder „Kanarienvogel“ schneller erkannt werden, als wenn sie in einem Kontext stehen, der keine Tiernamen vermuten lässt. Längere Wörter können etwas langsamer erkannt werden als kürzere, da das Gehirn mehr Buchtstaben, also auch mehr Merkmale, aufnehmen muss. Bei einem/r geübten Leser*in ist dies aber eine für den Zuhörenden nicht oder kaum wahrnehmbare Zeit. Ganz oft lesen wir nicht einmal bewusst. Das Gehirn schaltet nämlich gerne auch einmal auf Autopilot. Höchste Zeit also, diese komplexe Kulturtechnik, die wir da beherrschen, einmal zu würdigen. Beispielsweise auf dem Weg zum nächsten Bücherregal.

Autorin: Karina Hermann

 

Oktober 3, 2018

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