Englisch, Italienisch, Gebärdensprache? – Wieso es Spaß machen kann, die Gebärdensprache zu lernen

Wir sitzen auf dem Boden und ich habe das Gefühl meine Finger zu verknoten. Mein neuer Freund Gabriel hilft mir dabei, die Finger übereinander zu kreuzen. Wir lachen beide und ich sage: „Von vorne.“

Der Kinofilm fängt zwei Stunden später an als erwartet, also habe ich meine Begleitung darum gebeten, mir die Gebärdensprache zu erklären und mir etwas beizubringen. Jetzt bin ich schon in der Lage, meinen Namen zu zeigen und Fragen zu stellen wie: „Hast du schon gegessen?“.

Tatsächlich ist es genau genommen aber nicht die Gebärdensprache, die ich gerade übe, sondern eine von über 200 weltweit. Und trotz der 80.000 Gehörlosen in Deutschland haben die meisten niemanden in ihrem Bekanntenkreis, der gehörlos oder hörgeschädigt ist, und kommen deshalb nur selten mit Gebärdensprache in Berührung. Sie ist für viele daher etwas Rätselhaftes. Was hat es also mit dieser besonderen Sprache auf sich?

Mit dem Begriff Gebärdensprache bezeichnet man die Art und Weise, wie Gehörlose und / oder Hörgeschädigte kommunizieren. Gebärdensprachen sind visuell-manuelle Sprachen – also Sprachen, die nicht gesprochen werden. Wie auch andere Sprachen verfügen sie über ein komplexes Sprachsystem mit eigenen grammatikalischen Regeln. Handzeichen (Gebärden und Gesten), Körpersprache, Mimik und Mundbild – also die Bewegung, die unser Mund macht, wenn wir ein Wort aussprechen – funktionieren hier als Ganzes.

Dabei kann Gebärdensprache alles ausdrücken und ist wie jede andere Sprache erlernbar. Das heißt, dass man sich in Gebärdensprache über seine Hobbys, aber auch über Politik, Mikrobiologie, Operationen oder Poesie unterhalten kann.

Gebärde für „Freund” in vier verschiedenen Sprachen (Flickr, Urheberin: Marina del Castell)

Wenn man Gebärdensprache sprechen oder verstehen will, fordert es aber schon ein bisschen Konzentration, denn schließlich muss man unterschiedliche Informationsebenen gleichzeitig berücksichtigen. Mit der dominierenden Hand, manchmal auch mit beiden Händen, wird zunächst die entsprechende Gebärde geformt. Doch nicht bloß das, was gezeigt wird, ist von Bedeutung: Einzelne Gebärden unterscheiden sich zum Beispiel durch die Position der Hände, die Form, die Bewegungsrichtung oder die Körperstelle, an der die Gebärde ausgeführt wird. Eine Faust auf der Stirn bedeutet z.B. „dumm“, dieselbe Faust am Kinn steht für „Bauer“.

Wie letztlich auch in der gesprochenen Sprache braucht es also auch bei der visuellen Sprache Mimik und Gestik, um den Gegenüber richtig zu verstehen. Diese Faktoren spielen aber eine andere Rolle. Interpunktionen, wie beispielsweise ein Fragezeichen, liest man z.B. aus dem Gesicht ab. Und spricht man über Personen oder Gegenstände, werden sie einfach im Gebärdenraum platziert und stehen so für weitere Bezugnahmen zur Verfügung. Man muss also aufmerksam das Gesicht, den Oberkörper und die Hände betrachten, um alles zu verstehen.

Dolmetscherin für Gebärdensprache (Heinrich-Böll-Stiftung, Foto: Stephan Röhl)

Wenn es an manchen Stellen mit der Kommunikation komplizierter wird, kann man allerdings auch auf das sogenannte „Fingeralphabet“ zurückzugreifen. Dieses wird benötigt, wenn es Unklarheiten gibt, eine Gebärde nicht vertraut ist, oder sich jemand zum ersten Mal mit seinem Namen vorstellt – danach kann man dann aber einfach die entsprechende Namensgeste nutzen, ähnlich wie einen Spitznamen.

Und auch anderes ist praktisch gelöst: Lautliches spielt in der Gehörlosenkultur eben keine Rolle. Deshalb hebt man hier z.B. als Äquivalent zum Applaudieren einfach die Hände und dreht dann die Handflächen abwechselnd nach außen und innen, wenn man seine Anerkennung zeigen will; und zum Anstoßen berühren sich nicht die Gläser, sondern die Finger. Mir gefällt es auf diese Weise besser – die Gebärdensprache ist eben eine Sprache der Nähe! 

Doch auch eine Sprache der Nähe macht nicht zwangsläufig eine internationale Sprache aus. Meine neu erworbenen Gebärden, die zur deutschen Gebärdensprache gehören, werden also nicht überall von Gebärdensprache-Sprecher*innen verstanden. Die Deutsche Gebärdensprache, kurz DGS, ist seit 2002 als eigene Sprache anerkannt. Da viele Länder ihre eigene Gebärdensprache haben, bietet sich also auch als Gehörgeschädigter Mehrsprachigkeit an. Denn wer zum Beispiel nur die italienische Gebärdensprache beherrscht, kann sich nicht problemlos mit einem/einer DGS-Sprecher*in unterhalten.

Die Zeichen für die Buchstaben „D“, „G“ und „S“ in der DGS.

Aber auch die Dialekte der jeweiligen Gebärdensprache können das Verständnis erschweren: Wenn man im Norden Deutschlands ausdrücken möchte, dass man in die Kirche geht, nutzt man eine Gebärde, bei der man sich mit der Hand über die Brust streicht, als hätte man einen Sonntagsanzug an. Im Süden faltet man die Hände wie zum Gebet vor der Brust.

Deshalb gibt es seit 2009 ein Wörterbuch für die Deutsche Gebärdensprache, um eine einheitlichere Sprache zu fördern und das Erlernen dieser zu erleichtern. Wie das Beispiel auch zeigt, sind gut ein Drittel aller Gebärden „ikonisch“. Das bedeutet, dass sie dem Dargestellten optisch ähnlich nachgebildet sind. Weitere Beispiele sind: ein Griff an den Dutt, der an den Begriff „Oma“ erinnert, oder das Ziehen am imaginären Teebeutel in der mit der Hand geformten Tasse – so einfach kann das manchmal mit dem Tee trinken sein.

Anderes ist aber nicht so einfach. Wir alle kennen wohl das Gefühl, wie es ist ist, wenn man mit der eigenen Sprache nicht weiterkommt. Nur ist dies für uns eine Situation, die wir meist vor allem aus der Kommunikation mit anderen im Ausland kennen. Die Situation der deutschen Gebärdensprachesprecher*innen ist aber eine andere: Sie werden auch in ihrer Heimat von den meisten Menschen nicht verstanden. Das ist nicht nur in Notsituationen ein Problem, auch ihren Alltag kann das immer wieder sehr erschweren.

Auch durch solche Erfahrungen spielt die Sprachgemeinschaft der Gehörlosen und / oder Hörgeschädigten und ihre Kultur für ihre Mitglieder eine zentrale Rolle im Leben. Mein Freund Gabriel studiert Gebärdensprache an der Universität Venedig und hat mir viel über diese Kultur erzählt. Es gibt Vereine für Gehörlose und Hörgeschädigte, große Sportveranstaltungen wie die „Deaflympics“, kulturelle Veranstaltungen wie Kulturtage oder Festivals, Gehörlosentheater, Gebärdenpoesie, Kabarett, Tanz, Shows, etc. Auf all diesen Veranstaltungen kann man sich übrigens prinzipiell auch einmal gut im Gebärdensprache Sprechen versuchen – genug Möglichkeiten, in Kontakt zu treten, gibt es schließlich.

Es ist nämlich auf jedem Fall eine spannende Erfahrung, ein Gespräch in Gebärdensprache zu führen. Dabei geht es nicht mehr um das Zuhören, sondern darum, zuzusehen. Man lernt viel über den Charakter des/der Gesprächspartner*in, da man automatisch mehr Augenkontakt hat und sich Zeit nehmen muss, die Person genau zu betrachten. Das ist ungewohnt, aber es fühlt sich auch gut an, achtsam wahrgenommen zu werden. Ich musste zu Beginn zwar viel überlegen und oft um eine Wiederholung der Gebärden bitten, aber ich war auch stolz auf meine Fortschritte. Wer also darüber nachdenkt, eine neue Sprache zu lernen, kann dafür auch beispielsweise die Gebärdensprache in Betracht ziehen – und die Sprache so einfach selbst in die Hand nehmen.

Autorin: Vanessa Pawlikowski

Und wer jetzt neugierig geworden ist: Hier noch ein paar Links und Websites zum Erlernen von Gebärdensprache

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